Listen to the Echo – William Kentridge

Der Künstler, der lieber Elefant geworden wäre.

Wenn ein weltberühmter Künstler sagt: „Ich wollte eigentlich Elefant werden“, klingt das zuerst wie ein Witz. Bei William Kentridge, geboren 1955 und heute einer der wichtigsten zeitgenössischen Künstler der internationalen Kunstszene, ist es allerdings nur die halbe Wahrheit. 

Wir haben uns für Euch den Podcast des Kunstmagazins Monopol angehört, dort erzählt der südafrikanische Zeichner, Filmemacher und Theatermacher, dass er als Teenager verschiedenste berufliche Pläne verfolgte: Dirigent, Architekt, Schauspieler. Nichts davon funktionierte so richtig. Also wurde er Künstler. Quasi Plan E. Rückblickend sagt er dann auch trocken: „Es tut mir nicht einmal mehr leid, dass ich kein Elefant sein kann.“ 

Kentridge arbeitet fast jeden Tag in seinem Studio in Johannesburg, einem Ort voller Kohle, Papier, Tinte, chaotischer Regale und italienischer Espressokannen. Ja, wirklich. Die kleinen Metallmaschinen spielen in vielen seiner Filme mit, manchmal fast wie Mini-Selbstporträts, nicht weil er sie benutzt, denn er trinkt seinen Kaffee lieber aus der French Press. 

Für ihn ist das Atelier ein absolut zentraler Raum. Er sagt, dort finde er „die Energie für sein Dasein in der Welt“. Was für andere ein Spaziergang oder eine Stunde TikTok ist, ist für ihn das Zeichnen mit Kohle auf Papier, radieren, neu zeichnen, wieder radieren. Sein Arbeitsprozess ist für ihn Trost und Denkraum zugleich.

Dabei wird nicht nur etwas Neues zur Zeichnung hinzugefügt – Kentridge radiert auch wieder Teile weg. Ganz verschwinden sie aber nie. Was vorher da war, scheint immer noch durch. Das sieht dann aus wie ein visuelles Echo der Zeit, die während des Zeichnens vergangen ist.

Die Hauptfiguren der Filme sind Soho Eckstein, ein reicher Immobilien- und Minenbesitzer, sein Gegenspieler Felix Teitlebaum und Mrs. Eckstein, um die sich beide drehen. Gezeigt werden vier Filme aus den Jahren 1991 bis 2020. In allen spielt die Geschichte von Johannesburg eine wichtige Rolle – einer Stadt, die es wegen des Bergbaus überhaupt erst gibt.

In seinen Filmen, die noch bis zum 18. Januar in der Ausstellung „Listen to the Echo“ im Museum Folkwang zu sehen sind, verwandelt sich ständig alles: Ein Stuhl wird zum Baum, ein Baum zur Flamme, ein Gesicht zu Rauch. Kentridge sagt, „die Welt ist ein Prozess“. Nichts ist fix. Alles ist in Bewegung.

Faszinierend an Kentriges Arbeiten ist, dass er seine Spuren nie versteckt. In seinen Animationsfilmen sieht man jeden Strich, jeden verwischten Schatten, jeden Radiergummi-Schmierer – alles bleibt sichtbar. Er sagt, ein Achtjähriger könnte seine Animationen machen, und gleichzeitig spricht er vom „Vergnügen der Selbsttäuschung“. Man weiß, dass da Kohle auf Papier ist, aber trotzdem entsteht plötzlich eine Figur, die sich bewegt. Wichtig ist für ihn, dass die sichtbaren Veränderungen die Entwicklung seiner Arbeit spiegeln. Kunst entsteht im Prozess, ihre Bedeutung muss nicht vorher feststehen. Für ihn führt der Weg zur Bedeutung, nicht umgekehrt.

Ideen entstehen unterwegs. Ungewissheit gehört zum Arbeiten dazu. In einer Welt, in der ständig perfekte Konzepte und Effizienz gefordert werden, wirkt dieser Ansatz fast revolutionär.

TO CROSS ONE MORE SEA

Im März 1941 fliehen 350 Menschen von Marseille nach Martinique in der Karibik, um sich vor den Nationalsozialisten und ihren französischen Helfern in Sicherheit zu bringen. Mit auf dem Schiff: bekannte Künstler*innen und Intellektuelle wie André Breton, Claude Lévi-Strauss, Germaine Krull und Anna Seghers.

In seiner Kammeroper The Great Yes, The Great No (2024) und der Filminstallation To Cross One More Sea erweitert Kentridge diese Passagierliste um weitere wichtige Persönlichkeiten wie Suzanne und Aimé Césaire oder Frantz Fanon. Sie stammen aus Martinique und zählen zu den prägenden Stimmen der antikolonialen Bewegung.

Dadurch löst Kentridge das Werk vom reinen historischen Ereignis und lenkt den Blick auf etwas Größeres: die Frage, wie es möglich ist, sich gegen politische Ungerechtigkeiten aufzulehnen – damals wie heute. Ob sich die Hoffnungen dieser Menschen erfüllen, bleibt offen. Ein Gefühl von Unsicherheit und Instabilität durchzieht das ganze Werk. Das Schicksal wirkt wie ein Glücksrad, die Reise führt ins Unbekannte. Die zentrale Frage bleibt hängen: „Die Boote fliehen – doch wohin?“

Seine Biografie ist stark mit der Geschichte Südafrikas verbunden. Er wuchs als Junge in privilegierten Verhältnissen im apartheidgeprägten Johannesburg auf. Seine Eltern verteidigten als Anwälte Aktivistinnen und Aktivisten unter anderem Nelson Mandela. Heute spricht Kentridge offen darüber, dass er mit Privilegien aufgewachsen ist und daraus Verantwortung ableitet. Seine Kunst beschäftigt sich mit Gewalt, Erinnerung, Ungerechtigkeit, aber nie auf schwere, moralisch erhobene Weise.

Die 15 Tapisserien von Porter sind zwischen 2001 und 2007 entstanden und gehen auf Kentridges Collagen zurück. Die Figuren bestehen aus schwarzem, gerissenem Papier, die Gelenke sind sogar mit Klammern beweglich gemacht und sitzen auf alten europäischen Landkarten aus dem 19. Jahrhundert. Gewebt wurde das Ganze später per Hand in einer Werkstatt bei Johannesburg.

Wie der Titel schon verrät, geht es um „Träger“: Menschen, die schwere Sachen schleppen oder hinter sich herziehen. Hier geht es aber weniger um den ersten Weltkrieg als um Migration an sich und die Wege über Ländergrenzen und Meere.

DEMANDS – IMPOSSIBLE!

1836 veröffentlichte der russische Autor Nikolai Gogol die ziemlich verrückte Erzählung Die Nase: Ein Staatsbediensteter wacht eines Morgens auf und seine Nase ist einfach weg. Während er verzweifelt nach ihr sucht, läuft die Nase munter allein durch Sankt Petersburg und bringt mit ihrem völlig anarchischen Verhalten die Stadtoberen ordentlich ins Schwitzen.

1930 machte Dmitri Schostakowitsch aus dieser Story seine erste Oper. Die wurde nach der Premiere allerdings sofort wieder von den sowjetischen Behörden verboten. Als Kentridge die Oper 2010 in New York inszenierte, verlegte er die Handlung in die frühe Sowjetunion. Eine Zeit, in der trotz der ganzen Propaganda von einer „Neuen Ära“ vieles von der alten zaristischen Willkür weiterlebte. Genau diesen Gedanken greift er auch in anderen Werken auf, zum Beispiel in der 30-teiligen Grafikserie The Nose.

In der Tuschezeichnung Demands – Impossible! begegnet die Nase, als eine Art Alter Ego des Künstlers, einer konstruktivistischen Figur. Ihre Botschaft ist klar und bürokratisch: „Forderungen zwecklos! Ich bin ein Regierungsbeamter!“ Hier prallen zwei Welten aufeinander: die pure, nackte Existenz und ein starrer bürokratischer Apparat.

In einer digitalen Zeit bleibt Kentridge bewusst analog. Papier, Kohle, Radiergummi ist seine Welt. Er sagt, er sei kein Digitalgegner, aber er habe „noch keinen Weg gefunden, ein Bild digital zu erzeugen, das sich richtig anfühlt“. Für ihn beginnt alles mit dem körperlichen Zeichnen, mit der Hand, die über das Papier fährt. Sein Atelier ist für ihn mehr als ein Arbeitsplatz: ein Raum voller Material, Gedanken und Möglichkeiten, die darauf warten, umgesetzt zu werden.

Zu seinem 70. Geburtstag widmen ihm das Museum Folkwang in Essen und die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden eine monumentale Doppelausstellung mit dem Titel „Listen to the Echo“. Ausgestellt werden Zeichnungen, Filme, Installationen, Skulpturen und Mehrkanal-Videos, die ein echtes Erlebnis sind. Die Werke zeigen über 50 Jahre Entwicklung und dass seine Kunst bis heute in Bewegung bleibt. Nichts wirkt endgültig. Vieles ist offen. Aber alles ist voller Energie.

Warum sollte man Kentridge kennen, selbst wenn man noch nie in einem Museum war? Seine Kunst ist verständlich, auch ohne Kunstwissen. Sie ist witzig, manchmal absichtlich, manchmal nicht. Sie zeigt Fehler und Unsicherheiten, statt sie zu verstecken. Sie hat Haltung, aber keinen Moralhammer. Sie inspiriert zu Mut, Chaos und Kreativität. Und sie zeigt, dass große Kunst nicht elitär sein muss – sie kann schräg, lebendig und offen sein. Und manchmal spricht darin sogar eine Espressokanne.